Von den Geschichten der Orte

Ich weiß um sie. Sie stürzen in Sekundenbruchteilen auf mich ein. Die Geschichten der Orte. Verkehrsunfälle und andere Tragödien. Es gibt in diesen Momenten keine Trennung zwischen mir und diesen Orten. So wie es keine Trennung gibt, zwischen mir und Menschen, denen ich verbunden bin. Es dauert lang, sie wieder aus mir herauszuschälen wenn sie gehen. Ob zurück in ein altes Leben oder voran in ein neues.

Und all´ die Toten, die nocheinmal vorbeischauten, während sie ihre Reise antraten. Bis auf dieses eine Mal, mein leiser Mond… Dass meine Intuition immer wieder stimmt – es sollte sich befriedigender anfühlen. Auch bei Dir. Doch was bleibt ist: Verrat. Dein Verrat gegenüber mir. Und, was schlimmer ist, mein eigener Verrat gegenüber meiner Intuition. Wie oft glaubte ich den Beteuerungen anderer mehr, als meinem inneren Wissen?

Ich lasse die schlimmen Menschen hinter mir, wie diese Orte. Diese Verräter – letzlich – ihrer selbst. Ich vertraue: mir. Verleugne mich nicht mehr, wo andere mich über Jahre verleugneten. In mir reift ein Plan. Ich werde lernen, die Geschichten der schönen Orte zu mir zu lassen. Die Glücksstürme der lauen Sommerwiesen. Die Küsse an den Ufern der Flüsse. Vielleicht weiß ich sie schon längst. Es ist an der Zeit, die Grenzen einzureißen. Die Grenzen, die mich vom Strom des Schönen trennen.

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Auf ein Wort.

Dann kommt der Moment, in dem die eigenen Worte Dir versiegen. Wo sich hinter dem Abgrund, den Du langsam lerntest zu akzeptieren, der Marianengraben auftut. Du blickst in die brüllende Tiefe und siehst keinen Grund mehr. Nirgends. In diesem klaren Augenblick erkennst Du das Muster. Kreis an Kreis an Kreis. Vom ersten Menschen, der Dir das antat, bis zum letzten, der es zur Perfektion brachte. Und all´ die dazwischen, die der Liebe Worte gaben und dann doch traten. Die Namen änderten sich. Die Gesichter. Du warst ihnen Übergang. Du gabst ihnen Richtung auf ihrem Weg. Und bliebst an der Weggabelung zurück. Allein mit ihren Worten. Diese Worte sind nichts wert.

Und doch sind Worte so gut wie alles, was mir blieb.

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Richtungen.

Die Richtung halten. Ungehalten. Kompass sein. Pendelgleich. Vor. Zurück. An das große Tor gelehnt. Atmen. Tief. In Gedanken die Wege ebnen. In Gedanken. Nur. Weil der Körper es nicht kann. Nicht mehr. Noch nicht. Atmen. Der Zeit Glauben schenken. Tick. Tack. Über kurz oder lang. Dreimal kurz. Dreimal lang. Dreimal kurz. Weiter. Atmen. Augen geschlossen. Dem Rauschen lauschen. Ertragen. Darauf vertrauen, dass es trägt. Was auch immer es ist. Es ist. Es ist ich. Ich bin ich. Ich bin.

Atmen. Dann einen Ton setzen. Diesen einen Ton. Für mich.

Jetzt.

Hier.

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Kirschblütengedanken an einem Herbstjahrestag.

Auch wenn ein Schmerz niemals mit einem anderen vergleichbar ist – nach jenem Film packte mich dieser eigentlich schlimme Gedanke: welch´ Glück die Menschen haben, die um das komplexe Wesen ihrer Toten wissen. Die mit anderen über gemeinsam erlebtes sprechen können und inmitten der Erinnerungen mit ihnen wohnen. Mit ihren Gegenständen. Ihrer Kleidung. Ihre Stimme im Ohr. Ihre Berührungen auf der Haut. Einem Geruch. Verblassend.

( Welch´anderer Schmerz es ist, kaum Dein Gesicht vor Augen zu haben. Keine Stimme. Sehr kleine Bewegungen aus meiner tiefsten Mitte. Die nur ich spürte. Bilder in Schwarzweiß. Die allein ich sah. Die ich allein sah. Weil ich Dich beschützte. Wie kann es sein, dass das nicht reichte? Alles war doch bereit. Was ich glaubte, alles in der Hand zu haben. Und dann hielt ich Dich in der Hand. So klein. So zart. Doch es gibt ein paar Dinge, die ich von Dir weiß. So stark und bestimmt, wie Du kamst – ohne zu fragen. Wie wild Du warst, dass ich Dich so früh spüren konnte. Und dass Du auch gingst, ohne zu fragen. Wohl eben weil Du so wild warst, meine Tänzerin. Du bekamst den Namen, den ich für Dich ersann. Immer wenn ich den Mond sehe, denke ich an Dich. Und wenn ich ihn nicht sehen kann, dann auch. Manchmal möchte auch ich nur dieses eine Mal mit Dir tanzen und mich dann still zu Dir legen, um für immer bei Dir zu sein. Aber das kann ich nicht tun. Du weißt warum. Dein Bruder. Er ist so stolz auf Dich. Er nennt Dich den allerallerhellsten Stern. Darunter geht es nicht. Natürlich. Niemand wird das mehr verstehen als Du… Mein Mond. )

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Wieder ein Tag.

Geschafft. Gepackt. Gerannt. Gelangt. Geleckt. Geknirscht. Geglotzt. Gelacht. Geklaubt. Gemessen. Gepflückt. Geschrammt. Gehört. Geschaltet. Gescholten. Gelöst. Gelenkt. Gestreichelt. Gefragt. Geklopft. Getröstet. Geregelt. Gewundert. Geschöpft. Geraten. Gerotzt. Getrotzt. Gemalt. Gesummt. Gekonnt. Gelegen. Gefeilt. Gereckt. Geduckt. Geschluckt. Gewusst. Gelassen. Gerockt. Gelernt. Gemischt. Gemosert. Gepustet. Geschenkt. Gerochen. Geredet. Gefallen. Geschmückt. Gesucht. Geweint. Gelebt. Gedankt. Geschafft.

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Über den Dächern.

Ein Grundrauschen zeugt von Leben.
Kirchtürme erinnern einander an die Zeit.
Kräne schwenken im letzten Tagestaumel.
Der Turmfalke wagt größere Kreise.
Eine S-Bahn kreischt, weil sie nach dem Tunnel das Licht wiedersehen darf.
Die Gemüseschneidenachbarin lässt ihr Messer klopfen.
Ein Flugzeug schwebt, gerade noch hörbar, in die Ferne.
Mücken tanzen Schnitzlers Reigen.
Eine Fledermaus unterbricht die Choreographie.
Fenster flüstern leise von ihren Menschen.
Die Friehofsglocke läutet die Lebenden auf die richtige Seite der Mauer.
Die Sonne tüncht die Welt tiefrot, bevor sie sich ergibt.

Unter mir der Atem der Stadt.
Die Wärme der Backsteinschornsteine im Rücken.
So bricht die erste Nacht nach Neumond herein.

Über den Dächern.

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Jetzt.

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