Von Abschnitten, Übergängen und Räumen. 

Es gibt diese Abschnitte, in die mein Leben aufgeteilt ist… Es gibt ein Leben vor meiner Tochter. Und eines nach meinem Sohn. Es gibt den Heiligabend 2007 an dem ich mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren wurde und an jedem Tag danach mehr und mehr verschwamm. Und es gibt Silvester. Den Wechsel zum neuen Jahr, an dem mein Körper meine stete Visualisierung aufnahm und sich langsam wieder ins Leben wechselte. Wie lapidar ich bei der täglichen Untersuchung von meinem Sohn erfuhr… „Hier schwimmt uns Ihre Leber davon. Dort die Nieren. Ach ja, und Sie sind schwanger.“ Wie ich stilles Glück spürte in diesem wilden Körper, der zur Ruhe verdammt einen Überlebenskampf ausfocht. Wie ich die Spatzen auf dem Fenstersims sah und meinen Sohn fortan (und bis (IchbinkeinSpatz!) heute) Spatz nannte. Und wie dieses stille Glück wuchs wie mein Sohn, während ich noch sechs Monate lag. Nur lag und im Liegen unsere wachsende Familie ernährte … Wie sein Name entstand, von dessen Geschichte er dieser Tage in der Schule erzählen soll, der Glückliche und Starke. Wie er exakt acht Monate nach seinem Entstehen um 18.28 Uhr zur Welt kam, sich exakt acht Monate später für festere Nahrung entschied und dessen Lieblingszahl natürlich die 8 ist. Auch wegen der Form. Natürlich. 

Und dann gab es den Heiligabend 2011. Den errechneten Geburtstermin seiner Schwester. Die Schwester … die so ungeplant und ohne jede Mühe zu mir kam, wie der große Bruder sehr geplant und unter Lebensgefahr in mein Leben trat. Meine Tochter, mein Mond, ging, vor der Zeit. Ungefragt, wie sie kam. Verwünscht von ihrem Vater und gehalten von mir. Die Bilder und Szenen jenes Sommers und die tiefgreifenden Sätze nach ihrer Geburt. Er würde nun zu seinem lebenden Kind gehen. Und ich blieb in diesem Zimmer. Ich sah die Spatzen nicht, doch den aufgehenden Mond. Und Schwester Marina. Ein Meer. Ein Herz. An diesem Heiligabend 2011, drei Monate nach ihrer Geburt, war ich auf dem Land. Weit weg von zu vielen Menschen. Ich fiel nachts im Schnee und wollte liegenbleiben. Und meine Schwester war es, die mich in die Wärme brachte. Und gemeinsame Musik.

Nun habe ich also zwei Kinder. Eines liebt die Zahlen und die Worte, die Sonne und das Meer. Probt seine und meine Kräfte. Und liegt am liebsten auf dem Sofa und liest, als wüsste es von den sechs Monaten, die ich dort lesend lag. Das andere Kind ist anders bei mir. Mit jedem Mond ganz leicht und sanft. Mit vielen Liedern und tiefer Weisheit, wie aus dem Nichts (das ja auch Alles ist). 

Und ja, es gab natürlich ein Leben vor diesen Kindern. Erstaunlich ist es, wie lange es nach traumatischen Erfahrungen dauert, dieses Leben davor, diese vielen Leben davor, wieder herauszuschälen. Und es ist großartig, wie durch die vergangenen Jahre die Möglichkeit erwachsen ist, klar zu sehen, was jetzt wieder zu meinem Leben gehören darf und was nicht. 

So kann ich also wieder singen. Lachen sowieso. Ich kann genießen. Und ich erlebe in Begegnungen eine neue Intensität. Auf allen Ebenen. Menschen, die mir nicht gut tun, sage ich es. Menschen, die mir gut tun auch. Sehr oft. Ich kann auf mich aufpassen. Und auf meinen Sohn. Ich bin innerlich sehr stark. Geduldiger bin ich. Auch mit mir und nicht nur mit anderen. Ich war und bin kein Opfer irgendwelcher Umstände und Menschen. Und ich habe mir verziehen. 

Ein neuer Raum öffnet sich. Ein Raum, den ich auch wieder teilen mag und möchte. Ein Raum, dem ich vertraue. Weil ich mir vertraue. 

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5 Antworten zu Von Abschnitten, Übergängen und Räumen. 

  1. de Chareli schreibt:

    Es ist alles gesagt. Es berührt much.

  2. textstaub schreibt:

    Sehr tief. Sehr berührend.

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